Reise 1988



Fünf Stunden in Scholtoi

Aufgeschrieben von Jakob Layh,
erschienen im „Bericht über die 9.Studienreise nach Bessarabien 1988“


Seit 48 Jahren, damals war ich gerade Jüngling von 15 Jahren, habe ich meine Heimat nicht mehr gesehen und nur in meiner Erinnerung bewahrt. Es war für uns 1940 nicht leicht, alles stehen und liegen zu lassen, was wir durch harte Arbeit aufgebaut hatten.

Meine Erinnerungen an damals setzen sich aus vielen Situationen und Bildern zusammen. Ich sehe noch heute meinen Vater bei der Arbeit auf dem Felde, oder meine Mutter in der Sommerküche. Sie war immer für uns da und war stets besorgt, uns täglich ein gutes Essen auf den Tisch zu bringen.
Ich sehe noch deutlich unsere Schule und unsere Kirche, die genau neben unserem Hof stand und ich erinnere mich noch der schwarzen, fruchtbaren Felder und unseres Fischweihers, der 44 ha groß war und wo wir als Kinder in den heißen Sommertagen zum Baden gingen.

Ich war seinerzeit der älteste Sohn von fünf Kindern und musste deshalb schon hart arbeiten. Trotzdem hatten wir eine glückliche Kindheit und ein zufriedenes Leben unter Gottes Beistand. All diese Erinnerungen an jene schöne Zeit sind für mich heute wie ein Kaleidoskop aus Glück und Freude.
Der lang gehegte Wunsch, einmal dorthin zurückzukehren, ging nach 48 Jahren in Erfüllung, anlässlich der 9. Studienreise in unser ehemaliges Heimatland.
Wir waren insgesamt 77 Reiseteilnehmer und von diesen stammten aus Scholtoi neben meiner Frau und mir, mein Vetter Heinz und seine Frau.

Voller Erwartung und Freude kamen wir mit jedem Tag näher an Bessarabien. Dort war unser Aufenthalt für 8 Tage in Kischinew geplant. Von hier aus hofften wir eine Genehmigung für den Besuch von Scholtoi zu erhalten.
Da eine solche Genehmigung nicht leicht zu bekommen ist und schon manche vergebens darauf gewartet haben, danken wir Herrn Kelm ganz besonders dafür, dass er sich dafür eingesetzt hat und sie für uns erwirken konnte.

Als er uns am Montagabend dies mitteilte, waren wir vier außer uns vor Freude. Jetzt war alles in guter Ordnung. Nach der schönen Reise und der guten Unterbringung im Hotel Intourist, bekamen wir nun auch noch die Genehmigung zum Heimatbesuch. Am Dienstag, dem 9.8.1988 fuhren wir mit zwei Wolgas, je einem Chauffeur und einer Dolmetscherin in Richtung Scholtoi. Dieser Ort liegt im Norden von Bessarabien, in der Nähe der Stadt Falesti, Kreis Belzy, ca. 120 km von Kischinew entfernt.

Es war herrliches Wetter, die Sonne schien warm vom Himmel herab und das Glücksgefühl, das wir während der Fahrt dorthin hatten, kann man kaum in Worte fassen. Ein wenig hatten wir aber auch Angst - Angst vor dem Ungewissen. Jeder von uns hatte seine Vorstellungen und Erwartungen. Was werden wir vorfinden, werden unsere Elternhäuser noch stehen? Diese und ähnliche Gedanken bewegten uns.
Als wir dann ins Scholtoier Tal hinab fuhren, wollte ich alles gierig in mich aufnehmen und suchte nach dem, was mir in diesen 48 Jahren noch in Erinnerung geblieben war. Aber vieles war so fremd und anders geworden.

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Im Tal von Scholtoi, Blick von Norden

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Dorfstraße in Scholtoi

Am Dorfrand angekommen, fragten wir einen jungen Mann nach dem Bürgermeister, denn wir mussten uns zuerst bei ihm anmelden. Der junge Mann schickte uns aber ins Nachbardorf, weil Scholtoi von der Nachbargemeinde mitverwaltet wird. Da wir nur einen Tag hier bleiben durften und es inzwischen Mittag geworden war, mussten wir uns sputen, dieser Pflicht zu genügen.
Sofort fuhren wir wieder nach Scholtoi zurück und trafen dort den jungen Mann wieder. Er stand genau an der Stelle, wo sich einst das Haus meines Großvaters befunden hatte, das man in den letzten Jahren wegen Straßenbaumaßnahmen abgerissen hatte.

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Am Ortsrand

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Im Dorf

Der junge Mann, er nannte sich Sascha, war sehr freundlich und lud uns alle zum Essen ein. Da es ein herrlicher Tag war, gestaltete es sich zu einem Picknick im Freien, im Schatten eines Nussbaumes. Gleich daneben befand sich ein Brunnen mit herrlichem kühlen Wasser, das wir mit Genuss tranken. Da wir von unserem Hotel in Kischinew Reiseverpflegung mitbekommen hatten, fehlte es uns an nichts.
So saßen wir alle unter dem Baum: das waren die beiden Chauffeure, unsere Dolmetscherin, die Frau von Sascha mit dem schönen Namen »Sonja«, ihre drei kleinen Kinder und wir vier. Wir waren also eine schöne Gesellschaft beisammen. Meine Frau zeigte der jungen Frau Sonja Bilder von unseren Kindern und Enkeln und von unserem Zuhause in Deutschland, so kamen wir uns näher. Unsere Dolmetscherin hatte Mühe, mit der Übersetzung nachzukommen. Sascha holte sein Akkordeon und brachte eine Flasche Schnaps mit. Er war sehr interessiert und wollte wissen, warum wir einmal von da weggegangen sind.

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Am Brunnen

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Picknick

Wir hätten es noch lange in der schönen Umgebung aushalten können, wenn wir nicht den Wunsch gehabt hätten, endlich unsere Höfe aufzusuchen. Wir wollten die verbleibende Zeit noch nutzen und verabschiedeten uns herzlich mit dem Versprechen, uns gegenseitig zu schreiben. Wir werden diese Begegnung nie vergessen. Das war eine so herzliche Gastfreundschaft, wie man sie nur selten erlebt.

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Traditionelles Fuhrwerk

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Dorfbrunnen

Als wir nun die Dorfstraße entlanggingen und uns zu orientieren versuchten, sahen wir mit großer Enttäuschung, wie sich alles in den Jahren verändert hatte. Die Dorfstraße hatte man um einen halben Meter erhöht und die Häuser waren auf beiden Seiten ganz im Grün der Bäume verschwunden. Die Kirche war abgerissen und daneben war unser Hof. Als ich ihn sah, wurde es mir ganz warm ums Herz. Ich suchte unseren Brunnen vor dem Wohnhaus, aber er war zugeschüttet. Ich ging auf den Hof und stellte fest, dass niemand da war. Deshalb konnte ich nicht das Haus von innen besichtigen. Der Mais wuchs bis ans Haus heran.

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Am Haus von Heinrich Layh

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Die ehemalige Schule

Auch der Fischweiher war nicht mehr da; der Damm sei gebrochen, sagte man uns. Als wir so durch das Dorf gingen und auch auf die Höfe meines Vetters und seiner Frau kamen, gesellten sich immer mehr Dorfbewohner zu uns. Sie wollten alle, dass wir mit ihnen in ihre Häuser gehen, um Wein und Schnaps zu trinken.
Eine Frau rannte schnell in ihren Garten und pflückte meiner Frau einen schönen Blumenstrauß. Auch wir haben uns natürlich mit dem revanchiert, was wir mitgebracht hatten.
Die Zeit verging und wir mussten uns leider verabschieden. Es war ein sehr herzlicher und auch schmerzlicher Abschied. Ich danke Gott dafür, dass wir dies alles noch einmal sehen und erleben durften. Ein Traum wurde wahr und vielleicht fahren wir, oder unsere Kinder, in den nächsten Jahren wieder nach Scholtoi.

Mit freundlicher Genehmigung von Rudolf Layh

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