Ortsgeschichte von Scholtoi

  
aufgeschrieben von Heinrich Layh (1900-1967),
erschienen im „Heimatkalender 1966"


Die Geschichte der deutschen Siedler in Nordbessarabien gestaltete sich ganz anders als die der südbessarabischen Kolonisten. Nur die kleine nördlichste Gemeinde Naslawtscha bildet eine Ausnahme. Eine Gruppe von zwölf Familien (Lutheraner und Katholiken) wanderte 1816 aus dem damaligen Herzogtum Warschau nach Bessarabien aus und wurde vom Gouverneur, Fürst Krupensky, auf seine zahlreichen Güter im nördlichsten Winkel gelenkt. Am Dnjestrufer als Kolonisten angesiedelt, erfreuten sie sich derselben Privilegien wie auch die Kolonisten am Schwarzmeerstrand. Vom großen angrenzenden Russendorf Naslawtscha eingeengt, wanderten sie nach und nach aus. Während des ersten Weltkrieges wurden die Übriggebliebenen, da die feindliche Front bedrohlich näher rückte, nach Sibirien verschickt. 1917 zurückgekehrt, fanden sie ihre Heimatnester zerstört oder von Fremden besetzt und verzogen sich auf die südlicher gelegenen Gemeinden. Die übrigen deutschen Siedlungen Nordbessarabiens entstanden in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Es waren durchwegs Pachtgemeinden: Alt- und Neu-Gudias, Alt- und Neu-Scholtoi, Rischkanowka und Neu-Strymba, sämtliche im Kreise Belzy. Wegen der ungünstigen Pachtverhältnisse lösten sich die Gemeinden Alt- und Neu-Gudias auf. Neu-Scholtoi wurde zu Beginn des ersten Weltkrieges, nachdem die Siedler als österreichische Staatsbürger nach Sibirien vertrieben waren, vom Gutsherrn abgerissen.

Die Gründung der Gemeinde

Alt-Scholtoi wurde im Jahre 1865 gegründet. Merkwürdig ist, wie die urdeutsche Gemeinde zu ihrem fremd klingenden Namen kam. In der Geschichte der Moldau von Rebreanu wird folgende Tatsache erwähnt: Ungefähr dort, wo heute Scholtoi liegt, erhob sich auf einer Anhöhe ein türkisches Kastell namens Scholtan. Dessen Kommandant raubte die schöne Tochter eines moldauischen Bojaren und sperrte die Widerspenstige in den Turm des Kastells, wo sie sich erhängte. Noch jahrzehntelang soll die Schöne in der Umgebung klagend und weinend umhergespukt haben. Die Moldauer mieden noch lange Zeit diesen Ort und nannten ihn „Scholtoae".

Der größte Teil der Siedler stammt aus Ugartsthal in Galizien. Ihre Vorfahren wurden von Joseph II. aus Deutschland (Pfalz) in Galizien als Musterbauern angesiedelt, so die Familie Frick (Frankenthal), Layh (Wachenheim), Heichert (Ensheim, O.H.) und andere. Die übrigen Siedler rekrutierten sich aus den aufgelösten Gemeinden Alt- und Neu-Gudias, Neu-Scholtoi und Naslawtscha (Groß, Presser, Müller). Als Pächter des Gutsherrn Jermolinsky (Pole), der das große Gut vom Zaren für seine Tapferkeit im russisch-türkischen Krieg geschenkt bekam, erhielten sie nicht nur Pachtland soviel sie bearbeiten konnten, sondern auch kostenlos Bauholz aus dessen Wäldern. Während sie sich ihre ersten primitiven Häuser aufstellten, fanden sie Unterkunft in den benachbarten Dörfern. Später bauten sie sich schmucke, mit Rohr gedeckte Häuser aus rohen Lehmziegeln. Das einzige Gut, das sie aus Galizien mitbrachten, waren Bibel, Gesangbuch und Katechismus. Alles übrige mussten und konnten sie sich selbst herstellen, gab es doch unter ihnen verschiedene Handwerker. Die Frau des Gutsherrn - angeblich eine Volksdeutsche aus Polen - besuchte einige Male die schmucke Siedlung, freute sich über das planmäßig angelegte Dörflein, über die sauberen, weißgetünchten Häuser und besonders über die Pracht der Blumengärten. Sie wollte die Siedlung Blumenthal nennen, doch der Gutsherr bestand auf dem Namen Scholtoae (später Scholtoi). Da die Pacht billig war, angeblich fünf Rubel pro Deßjatine, kamen die Siedler bald zu einem beträchtlichen Wohlstand.

Die Lage der Siedlung erinnert an die der südbessarabischen Kolonien. Eine breite, schnurgerade Straße, auf beiden Seiten Häuser mit den hohen Giebeln zur Straße, vor jedem Haus ein Blumengarten. Die Straße von Akazien umsäumt. Scheune, Schuppen und Stallungen gegenüber dem Wohnhaus. Fünf Brunnen mit Kurbelwellen entlang der Straße gaben den Siedlern das kostbare Nass. Weitere vier Brunnen für das Vieh befanden sich außerhalb der Gemeinde.

Bild "Bauernhaus.jpg"




Deutsches Bauernhaus in Scholtoi
Wahrscheinlich handelt es sich um Haus Nr. 24 von Heinrich Layh I,
der Dorfschulze war.
                                                


Die Religion

Wie jede deutschbessarabische Gemeinde, so haben auch die Scholtoier gleich bei der Gründung ihr Schul- und Bethaus in der Mitte aufgerichtet. Es war wohl etwas primitiv, doch 1908 bauten sie aus eigenen Mitteln ein neues, schmuckes Schul- und Bethaus. Der Bau bestand aus einem geräumigen Schulsaal mit anschließender Küsterwohnung und einem Betsaal. 1937 begann die Gemeinde mit dem Bau einer Kirche, wobei die Siedler nicht nur ihr letztes Scherflein hergaben, sondern auch Fronarbeit leisteten. Leider konnte der schmucke Bau wegen der Umsiedlung nicht ganz zu Ende geführt werden. Die Scholtoier waren gut kirchlich eingestellt; es gab unter ihnen weder Pietisten noch Sektierer und schon gar keine Atheisten. Der Küsterlehrer wurde von der Gemeinde angestellt und entlohnt. Da die weit entlegene und inzwischen verarmte Gemeinde nur eine knappe Besoldung bieten konnte, kamen nur ungenügend geschulte Lehrkräfte in Frage. Waren es Familienväter, so mussten sie nebenbei noch Landwirtschaft betreiben. Erst in den dreißiger Jahren stellte das Konsistorium in Tarutino Absolventen des Werner-Seminars und des Gymnasiums vorübergehend an und unterstützte sie. Durch die jungen Lehrer erblühte in Scholtoi ein völkisch-kulturelles Leben. Leider griff zu dieser Zeit die rumänische Schulbehörde ein, besetzte den Lehrerposten der rein konfessionellen Schule mit einem Rumänen, erklärte dann die Schule kurzweg für eine rumänische Staatsschule und bewilligte für den Religions- und Deutschunterricht nur wenige Wochenstunden.

Die Gemeinde gehörte zum Kischinewer Kirchspiel und wurde anfangs nur einmal und ab 1920 zweimal jährlich bedient. Interessant ist, wie die vereinsamte Gemeinde ihren Seelsorger empfing. Burschen, deren Hüte und Pferde mit bunten Bändern geschmückt waren, ritten dem Pastor entgegen und begleiteten ihn bis ins Dorf, wo ihn die ganze Gemeinde vor dem Bethaus mit einem Lied aus dem Gesangbuch empfing. Der Pastor hielt einen liturgischen Gottesdienst ab, teilte das Heilige Abendmahl aus, konfirmierte die schulentlassene Jugend und segnete die vom Küster getauften Kinder ein. Dieser Tag war für die Gemeinde ein großer Festtag.

Bild "Faltin.jpg"Bild "Gutkewitsch.jpg"
Rudolf Faltin (1829 - 1918)
Pastor, später auch Probst in Kischinew,
betreute die Kirchgemeinde bis 1903
Erich Gutkewitsch (1873 - 1956)
war in der Zeit 1904 - 1940
der Pastor des Kirchspiels Kischinew


Die wirtschaftliche Lage

Bis zum ersten Weltkrieg pachteten die Siedler vom Gutsherrn bis zwanzig und mehr Deßjatinen, obwohl dieser den Pachtzins bis auf fünfundzwanzig Rubel pro Deßjatine erhöhte. Wenn sie auch ab und zu von Missernten schwer heimgesucht wurden, so hielt sie immer noch eine mäßige Maisernte über Wasser. Besonders ergiebig war die Milchwirtschaft, deren Erzeugnisse die Siedler in den umliegenden Marktflecken gut absetzen konnten, erfreute sich doch die deutsche Butter eines guten Rufes und die Nachfrage überstieg oft das Angebot. Schlimmer wurde es, als sich Bessarabien an das Königreich Rumänien angeschlossen hatte. Die neue Agrarreform traf sie ziemlich hart. Jeder landlose Bauer - und dazu zählten auch die Scholtoier - erhielten vom Staat sechs Hektar zugeteilt. Nur in seltenen Fällen gelang es, von arbeitsscheuen russischen oder moldauischen Bauern einige Hektar zu pachten. Desto intensiver verlegten sie sich auf Vieh-, Schweine- und Geflügelzucht. Auch legten sie Obst- und Weingärten an. Das Dörflein versank förmlich im Grün seiner Gärten und bot von weitem einen wunderschönen Anblick.

Traditionen

Trotzdem die Altvordern der Scholtoier fast ein Jahrhundert in Galizien unter Ruthenen, Polen und Juden hausten und auch in Nordbessarabien unter Russen, Moldauern und Juden eingestreut waren, haben sie nicht nur ihre Muttersprache und den Glauben ihrer Väter treu erhalten, sondern auch ihre aus dem Mutterlande stammenden Sitten und Bräuche. An Gelegenheiten, die letzteren auszuüben, fehlte es ihnen nicht. Waren sie doch ein urgemütliches, lebensfrohes und gastfreundliches Völkchen, das seine Feste liebte und sie auch ausgiebig feierte. Denn da waren sie unter sich, konnten deutsch sprechen, deutsch singen, ihre alten Bräuche ausüben, und niemand störte sie dabei. Da bildeten sie eine in sich geschlossene, fest verwurzelte Schicksalsgemeinschaft. Im Folgenden seien sie der Reihe nach kurz geschildert.

Silvester und Neujahr: Silvester wurde mit einem Gottesdienst eingeleitet. Bis Mitternacht herrschte im Dörflein eine andächtige Stille. Es war eine Danksagung an den Allmächtigen für das vergangene und eine Bitte um seinen Segen für das kommende Jahr. Um Mitternacht ertönte vom Kirchturm ein Glockengeläute, das alte Jahr wurde aus- und das neue eingeläutet. Und schon begann das Neujahrschießen und Wünschen. Einer ging zum andern, meistens paarweise - Eheleute oder der Bursch mit seinem Mädel. Während der männliche Teil im Vorhaus seine Flinte abfeuerte, sagte der weibliche Teil seinen Neujahrsspruch, der wie folgt lautete:

"Guten Morgen,
wir wünschen euch Glück und Freud heut zu dieser Neujahrszeit!
Weil das neue Jahr gekommen, haben wir uns vorgenommen,
euch zu wünschen zu dieser Zeit Frieden und Glückseligkeit.
So viel Tröpflein in den Regen soll euch Gott voll Segen geben!"


Daraufhin bewirtete der Hausherr seine frühen Gäste mit Getränk und kalter Platte.

Am Neujahrstag, nach dem Gottesdienst, besuchten sich die Leute gegenseitig und verbrachten den Tag in Eintracht und Frohsinn. Die Kinder wanderten von Haus zu Haus und sagten ihr Neujahrssprüchlein auf:

"Guten Morgen, Vater und Mutter,
wir wünschen euch ein Federbett, rundherum mit Rosen besteckt,
in der Mitte den heiligen Geist, der euch den Weg zum Himmel weist.
Alles, was ihr euch wünschet, das wünschen wir euch auch."


Sie wurden mit Äpfeln, Nüssen und Zuckerl beschenkt. Die Jugend vertrieb sich die Zeit bis Mitternacht bei Tanz, Gesang und frohem Spiel.

Fastnacht: Die Fastnacht wurde nach altem Brauch meistens von der Jugend im „Tanzhaus" gefeiert, während die Erwachsenen sie bei einer Kanne Wein und den unvermeidlichen „Fastnachtsküchle" verbrachten. Die Fastenzeit verlief in aller Stille mit Passionsandachten und dem bußfertigen Insichgehen.

Ostern: Am Ostermorgen ging die ganze Gemeinde in aller Herrgottsfrühe auf den Friedhof, wo der Küster bei Sonnenaufgang eine Andacht mit Gebet und Gesang abhielt. Indes hatte der fleißige Osterhase zu Hause in die vorbereiteten Nester seine künstlich gefärbten Eier gelegt. Das „Eierpicken" war alter Brauch.

Pfingsten: Zu Pfingsten wurden die Häuser von außen mit grünen Zweigen geschmückt und drinnen mit viel Quendel (Thymian) bestreut. Ein alter Pfingstbrauch, der noch aus dem Mutterlande stammen konnte, sei noch erwähnt. Die Kühe wurden noch vor Sonnenaufgang gemolken und auf die Weide getrieben. Die letzte Kuh bekam von der Jugend einen Kranz um den Hals gehängt, deren saumseliger Eigentümer zum Gespött gemacht und den Namen „Pfingstlamm" erhielt.

Kirchweih: Besonders froh und ausgiebig wurde das Kirchweihfest am 21. Oktober begangen. In der Woche vorher hatten die Frauen zu putzen, zu backen und zu braten. Die Musik mussten die Burschen bestellen, während die Mädchen für die hungrigen Mägen der Musikanten zu sorgen hatten. Vor dem Kirchweihhaus (Tanzhaus) stellten die Burschen eine fünf Meter hohe Tanne auf, deren Gipfel man mit einem breiten Kranz von bunten Bändern schmückte. Am ersten Tanzabend wurden die jungen Burschen in die Jugend aufgenommen, wobei sich diese mit einigen Litern Wein „einkaufen" mussten. Zwei Tage und zwei Nächte dauerte das Kirchweihfest. Ausschreitungen, Raufereien oder sonstige unliebsame Störungen kannten die Scholtoier nicht. Es gab auch keine Trunkenbolde unter ihnen. Und vor ihrem Lehrer, Schulzen und den Kirchenvormündern hatten sie immer schuldigen Respekt.

Heiliger Abend: Am Heiligen Abend war der Betsaal überfü<. Um den strahlenden Christbaum scharten sich die Schüler, ein jeder sagte sein Sprüchlein auf. Auch Krippenspiele wurden aufgeführt. Und nachher ging der „Pelzmärtel" (Knecht Ruprecht) mit einer Rute von Haus zu Haus. Ihn begleitete das „Christkindl". Die Kinder mussten Gebete hersagen und Gehorsam und Fleiß versprechen. Dann erhielten sie aus dem Sack des „Pelzmärtels" Naschzeug. Erst dann erstrahlten die Christbäume in allen Häusern, und die Kinder erhielten ihre Geschenke von Eltern und Paten.

Hochzeit: Hatte sich ein junges Paar zur Ehe entschlossen, so schickte es zwei „Freiersmänner" zu den Eltern, um Mitgift und Hochzeitsfeier zu regeln. Dann wurde „Handstreich" (Verlobung) gefeiert, die mit Gebet und Gesang eingeleitet wurde. Zum Hochzeitsfest war gewöhnlich die ganze Gemeinde geladen. Die „Hochzeitsbitter" gingen dabei von Haus zu Haus und luden die Gäste mit einem althergebrachten Spruch ein, und jeder Wirt knüpfte zum Zeichen des Einverständnisses an den „Hochzeitsstab" ein buntes Band. Brautvater und Brautmutter, Nebenknechte und Nebenmägde trugen alle Lasten und Sorgen des Festes. Eine Musikkapelle sorgte für Unterhaltung. Alte Bräuche wie der „gestohlene Brautschuh", die „Köchin mit der verbrühten Hand" und die Zeremonie der „Brautabkränzung" kamen zum Vorschein. Es wurde tüchtig getanzt, gesungen, gescherzt. Zum Schluss überreichten die Gäste dem Hochzeitspaar ihre Geschenke, deren Wert die Kosten des Festes oft deckten. Für gewöhnlich wurde so ein Fest zwei Tage gefeiert. Auch die „Kindtaufe" wurde gebührend gefeiert.

Der Erste Weltkrieg

Besonders hart wurden die Scholtoier vom ersten Weltkrieg mitgenommen. Im Frühjahr 1915 traf sie ganz plötzlich die Hiobsbotschaft, dass sie alle nach Sibirien vertrieben werden sollten. Und schon kamen aus den Nachbardörfern die russischen und moldauischen Bauern, suchten sich die besten Häuser aus und kauften für einen Pappenstiel landwirtschaftliche Geräte und Vieh. Da entschloss sich die bedrängte Gemeinde zu einem Bittgang beim allmächtigen „Pristav". Der Schulze fuhr zu ihm mit einigen Kübeln Butter, Schinken und Würsten. Und der „Pristav" versprach ihnen, die Vertreibung wenn nicht aufzuheben, so doch aufzuschieben. Doch zwang man die Männer und Frauen, Schützengräben von dem Pruth bis zum Dnjestr zu graben, wobei alle wehrfähigen Männer an der türkischen Front für den Zaren und das Vaterland kämpften. Nur die österreichischen Staatsbürger wurden nach Sibirien verschickt. In ihre Häuser zogen Fremde ein oder sie wurden vom Gutsherrn abgerissen. Während des Krieges war die deutsche Schule geschlossen und die deutsche Sprache außerhalb der vier Wände strengstens verboten. Die Deutschen wurden von Spähern überwacht. Allerlei Schikanen mussten sie über sich ergehen lassen. Man nannte sie die „verfluchten germanzi", die „inneren Feinde Russlands", „Spione" und fand noch weitere Schimpfworte. Ihr Vieh wurde requiriert, bis die Ställe leer standen. Dabei erhielten sie nie die gesetzliche Entschädigung. Oft wurden ihre Häuser nach Waffen oder einem „Berliner Sender" abgesucht. So manche Männer wurden verhaftet, nach Belzy abgeführt und nach ein paar Tagen wieder entlassen.

Noch furchtbarer traf sie die Revolution der Jahre 1917 bis 1918. Schon im Herbst 1917 begannen die Plünderungen. Zuerst wurde der Gutshof ausgeplündert und niedergebrannt. Dann kamen zügellose Massen auch nach Scholtoi, zu den „verfluchten germanzi". Alle Bitten und Proteste der Siedler wurden hohnlachend beantwortet: „Mit dem Schubkarren seid ihr zu uns gekommen und mit dem Schubkarren werden wir euch wieder vertreiben." Niemand kümmerte sich um die Schutz- und Wehrlosen. Nur die Juden hatten Mitleid mit ihnen, halfen ihnen wohl, aber nicht zu ihrem, der Juden, Schaden.

Die Umsiedlung 1940

Mit der Umsiedlung ins Reich kam für sie die Rettung. Ende 1940 erschien bei ihnen eine reichsdeutsche Kommission, die alle Arbeiten für die Umsiedlung durchführte. Vom Bahnhof Belzy wurden sie über Österreich nach Deutschland abgeschoben. Sie wurden alle in polnischen Dörfern im Kreise Lublin angesiedelt, aus denen man die Bevölkerung „evakuiert" hatte. Die Polen sammelten sich als Partisanen in den Wäldern, überfielen die „Eindringlinge", ließen ganze Dörfer in Flammen aufgehen und schossen die Flüchtenden nieder. Schließlich wurden Frauen und Kinder nach Litzmannstadt geschafft, und die übrig gebliebenen Männer - die Wehrfähigen waren zur SS oder Wehrmacht eingezogen - mussten sich der Partisanen als so genannte „Werwölfe" erwehren. Als die sowjetische Walze in bedrohliche Nähe kam, mussten auch sie im Treck flüchten und alles aus der Heimat Mitgebrachte und hier Erworbene liegen lassen. In Litzmannstadt nahmen sie ihre Frauen und Kinder mit. Unterwegs wurden sie des öfteren von Fliegern angegriffen, es gab Schwerverwundete und Tote. Auch der Verfasser dieser Chronik wurde schwer verwundet und muss nun sein Leben als achtzigprozentiger Invalide fristen. So kamen sie zuerst nach Thüringen, wo sie jahrelang die Misere des Flüchtlingslagers über sich ergehen lassen mussten. Endlich wurden sie in Nürtingen angesiedelt. Es war kaum noch die Hälfte, die das Chaos in Polen und im Treck überstanden hatte.

Nun sind sie wohl geborgen in ihrer deutschen Heimat, aus der ihre Ahnen vor hundertsechzig Jahren ausgewandert waren.

(Bearbeitet von Rudolf Zeiler)

Mit freundlicher Genehmigung von Rudolf Layh

zum Seitenanfang